31.03.06 - 01.04.06
Zehn Frauen und ein Mann
«Gipfeltreffen!»/Im Kaskadenkondensator und im
Literaturhaus trafen sich Performance-Künstlerinnen zu
«Paarläufen».
Von Urs Grether

BASEL. «Das ist jetzt asiatisch gewesen: Man nimmt,
was da ist», sagt eine Besucherin am Ende des
Festivals «Gipfeltreffen!» im Kaskadenkondensator des
Kleinbasler Sudhauses. In fünf «Paarläufen» standen
sich je zwei Künstlerinnen aus Asien und der Schweiz
gegenüber. Filmische, literarische, tänzerische oder
skulptural/bildhafte Eingriffe im Raum sowie
interaktive Aktionen mit dem Publikum bezeugten die
vorbildhaft interdisziplinäre Offenheit,
Unmittelbarkeit und Nähe der Kunstgattung Performance.

--Nicht interkulturelle Unterschiede sollten bei
«Gipfeltreffen!» ins Zentrum rücken (und schon gar
nicht Fragen einer spezifisch von Frauen betriebenen
Kunst), sondern, wie Kuratorin Pascale Grau vorschlug,
die «Gleichzeitigkeit verschiedener kultureller
Einflüsse», eine Art «Hyperkulturalität». Ausser der
Lyrikerin Kazuko Shiraishi arbeiten alle Eingeladenen
in Europa.

--Die Unmöglichkeit des Miteinanders zelebrierte im
Rahmen eines Intermezzos im neuen Literaturhaus die
Basler Lyrikerin Birgit Kempker, die die
Computer-Zuspielungen des weltbekannten Schweizer
Musikers Hans Koch strikt ignorierte. Umso gelungener
der Dialog Kochs an der Bassklarinette mit Kazuko
Shiraishi. Ungemein sinnlich wirkte nur schon, wie die
Japanerin zwei kalligraphische Bänder mit dem
jeweiligen Gedicht abrollte. Ein eminent «narrativer»
Vorgang.

Gegen «Exotismen» das Eigene als das
Fremde deuten.

--Die in Stockholm geborene Kunsthistorikerin und
freie Ausstellungsmacherin Helen Hirsch holte im
Abschlussgespräch des zweiten Abends eine
Rekapitulation des Geschehenen ein. Wichtig war der
Hinweis der in Braunschweig tätigen Chinesin Yingmei
Duan, dass ihre fest gewählte Mädchenrolle auf einer
Sprachstörung in der Kindheit fusst.

Die gebürtige Javanerin Melati Surydarma verwies auf
das Problem, sich der blossen Repräsentation der
«eigenen» Kultur zu verweigern und dennoch «Exotismen»
als Stempel aufgedrückt zu bekommen. «Du schneidest
dir ein Stück von deiner Identität weg, um nicht
darauf behaftet zu werden», fasste eine Frau aus dem
Publikum das Dilemma. Es gelte, sagte Surydarma, eine
«universale Sprache» zu prägen. Die in Paris lebende
Japanerin Marie Kawazu nahm das auf, brachte den
grundsätzlich «fiktionalen Raum» einer Performance in
Zusammenhang mit den hybriden Formen der Darstellung.

Vom Zwiebelschälen zur Ohnmacht an
der Wand.

--Zum «Onion Club» stiegen Gruppen zu acht, nach der
Nummer der eingangs erhaltenen Zwiebel, ins
Untergeschoss des «Kasko», um sich von Hiroko
Tahanashi (Berlin) und Mo Diener in die Geheimnisse
der Zwiebel und der Tränen einführen zu lassen –
verbunden mit dem «Tatbeweis», die mitgebrachte
Zwiebel auch eigenhändig schälen und kleinhacken zu
dürfen.

--Zu Beginn des Samstagnachmittags ein suggestives wie
verstörendes Bild: Melati Surydarma aus Braunschweig
mit schwarzem Kleid links in einer in der Wand
eingelassenen Nische, auf einen langen Eisenstahl-Stab
gestützt und so gerade noch vor dem Fallen bewahrt,
tatsächlich in der Schwebe.

--Radikaler war rechts, ganz in weiss, Chantal Michel
aus Thun an Haaren, Händen und Rockschössen, mit dem
Rücken zum Publikum, buchstäblich an die Wand geklebt
(geklatscht). Die Füsse hatte sie knapp auf dem
Mauervorsprung aufgestützt – was über die Kräfte der
Frau ging, die infolge einer Ohnmacht (Pascale Grau
hatte die Besucher sofort und souverän aus dem Raum
gebeten) von der Wand befreit werden musste.